Mittwoch, 12. August 2020
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Senioren im Straßenverkehr: ein Risiko?

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Sind ältere Menschen tatsächlich die schlechteren Autofahrer? Wir haben Zahlen und Fakten zusammengetragen und mit ADAC-Verkehrspsychologin Nina Wahn darüber gesprochen.

„Rentner rast mit Auto in Hamburger Kaufhaus!“ Der dramatische Unfall eines 85-Jährigen, der Ende April ungebremst in das Alstertal-Einkaufszentrum (AEZ) krachte, sorgte deutschlandweit für Schlagzeilen.

Kaum war das Auto geborgen, herrschte in den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke bereits Einigkeit: Ältere Menschen stellen eine Gefahr für den Straßenverkehr dar. Eine Meinung, die durch die Unfälle am Poppenbütteler Weg und in der Othmarscher Waitzstraße Ende Mai nur noch befeuert wurde. Aber sind Senioren am Steuer tatsächlich ein Risiko?

Senioren in der Statistik unterrepräsentiert

Wirft man einen Blick auf die aktuellsten Zahlen des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) aus dem Jahr 2017, zeigt sich, dass Verkehrsteilnehmer über 65 entgegen dem öffentlichen Konsens klar unterrepräsentiert sind. Obwohl sie zum Zeitpunkt der Erfassung 22 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten, waren Senioren nur an 16 Prozent aller Unfälle mit Personenschaden beteiligt.

Warum ihnen der zweifelhafte Ruf trotzdem vorauseilt, weiß ADAC-Verkehrspsychologin Nina Wahn: „Unfälle älterer Menschen werden medial häufig sehr stark präsentiert und von der Gesellschaft gerne diskutiert.“

Das, so Wahn, liege einerseits an der fehlenden Betroffenheit der Personen, die einfach noch nicht in dem besagten Alter seien. Zum anderen aber auch daran, dass viele Personen einen älteren Menschen in ihrem Umfeld hätten, an dessen Fahreignung sie oftmals zweifeln.

Kuriose Umstände als medialer Faktor

Unfälle, die mit Geisterfahrten desorientierter Senioren zusammenhängen oder ohne jede Not im Schaufenster des örtlichen Supermarktes enden, ziehen schlicht und ergreifend mehr Aufmerksamkeit auf sich als die Missachtung der Vorfahrt. Dabei lassen die kuriosen Umstände Zahlen und Fakten meist in den Hintergrund rücken, obwohl diese eine eindeutige Sprache sprechen.

So ist beispielsweise auch die Vermutung zu entkräften, dass Senioren immer häufiger Unfälle verschulden würden. Dass die Zahl der verunglückten Verkehrsteilnehmer über 65 in Hamburg seit dem Jahr 2000 von 780 auf 1009 Opfer gestiegen ist, hat nämlich andere Gründe.

Seit 1990 hat sich der Bevölkerungsanteil deutscher Senioren um sieben Prozent erhöht. Es sind also zunächst einmal deutlich mehr ältere Kraftfahrende auf den Straßen unterwegs als noch vor 19 Jahren.

Senioren eher gefährdet, statt Gefährder zu sein

Dazu kommt, dass Senioren im Straßenverkehr aufgrund ihrer stark erhöhten Verletzlichkeit meist selbst zu Opfern werden, wie ADAC-Verkehrspsychologin Nina Wahn erklärt: „In vielen von älteren Fahrenden verursachten Unfällen mit Getöteten sind die Senioren selbst die Opfer.“

Bei Unfällen zu Fuß oder mit dem Rad zeige sich deshalb besonders deutlich, dass Senioren im Straßenverkehr eher gefährdet sind, statt Gefährder zu sein.

Sind Fahrverbote für Senioren also völlig zu Unrecht in den Fokus der Diskussionen gerückt? Nina Wahn hält die Fahreignung jedenfalls nicht für eine Frage des Alters.

Stattdessen sollten sämtliche Fahrer regelmäßig ihr Fahrverhalten kritisch reflektieren. „Wer sich beim Fahren unsicher fühlt“, so Wahn, „sollte sich fragen, ob ein Training sein Fahrverhalten verbessern kann oder der Umstieg auf andere Mobilitätsalternativen eine Option darstellt.“

 


 

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