Nach fast 40 Jahren verabschiedete sich Gerhard Delling im Mai von der ARD. Wir haben den Duvenstedter Sportmoderator getroffen und mit ihm über die Gründe seines Abschieds, Pläne für die Zukunft und die Entwicklung des Sportjournalismus gesprochen.

Herr Delling, vor kurzem begann die neue Bundesliga-Saison. Haben Sie nach 39 Jahren bei der ARD nicht etwas wehmütig nach München zum Eröffnungsspiel geblickt?
Nein, das nicht, es gab ja auch schon vorher Eröffnungsspiele ohne mich. Ich verfolge das Geschehen trotzdem noch sehr aufmerksam und schreibe beispielsweise für den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag auch noch regelmäßig meine Kolumne. Insofern bin ich ganz nah dran.
Sie haben insgesamt 380 Sendungen der Sportschau aus dem Studio moderiert, aber auch etliche Spiele live an der Seitenlinie begleitet. Was hat Ihnen mehr Spaß gemacht?
Die Einsätze am Spielfeldrand sind in der Regel schon deswegen interessanter, weil natürlich viel mehr passiert. Man ist live und aktuell bei einem Fußballspiel dabei, was mich immer wieder aufs Neue in seinen Bann ziehen kann. Das Studio bietet allerdings auch eine schöne Herausforderung, weil man alleine mit den Kameraleuten und einigen Technikern ist und sozusagen eine ganz eigene Stimmung aufbauen muss, was auch seinen Reiz hat. Ich habe beides gerne gemacht, wobei ich sagen muss, dass es am Spielfeldrand vor allem früher herausragend war. Anders als heute haben wir damals nämlich tatsächlich noch direkt am Spielfeldrand gestanden. Da war man schon sehr nah dran.
Sie sprechen die Entwicklung innerhalb der Sportberichterstattung an. Wie hat sich die Branche seit ihrem Einstieg beim NDR Mitte der Achtzigerjahre denn generell verändert?
Da hat sich schon eine ganze Menge getan. Und zwar nicht nur nach dem Motto „früher war alles besser“. Früher war einiges, was den journalistischen Anteil angeht, schon besser, weil es doch mehr um den Inhalt ging. Auf der anderen Seite hat es auch nicht selten ausufernde Ausmaße angenommen, wenn wir aus Themenmangel beispielsweise eine zwölfminütige Reportage über ein Tischtennis-Event gemacht haben, die weder den Spielern noch dem Publikum gerecht wurde. Insgesamt ist eine große Professionalisierung eingetreten, mit der einherging, sich auf das Wichtigste zu konzentrieren. Andererseits hat auch hier die Kommerzialisierung Einzug gehalten, wodurch vieles, gerade in Sachen Sport, mehr oder weniger als Unterhaltungsprogramm angesehen wird. Ich persönlich bedauere das sehr, wobei der Sport trotz der Ernsthaftigkeit, mit der er betrieben wird, ja schon grundsätzlich unterhaltend ist. Ihn künstlich zu einem Unterhaltungsprogramm zu machen, ist also überhaupt nicht nötig.
Sie waren ja erst letztes Jahr noch wegen der Fußballweltmeisterschaft in Russland. Hat Ihnen dort der kritische Aspekt in der Berichterstattung explizit gefehlt?
Ich war ja vor Ort bei der deutschen Mannschaft, wo es in erster Linie darum ging, Wasserstandsmeldungen vor den jeweiligen Spielen abzugeben. Ich habe mir dort allerdings ganz bewusst die Freiheit herausgenommen, auch ein paar eigene Gedanken in die Berichterstattung einzuflechten. Vor der WM war es ja beispielsweise ein großes Thema, ob wir überhaupt die Reise nach Russland antreten sollten, dazu noch die Sanktionen gegen Russland. Ich finde, das sind Punkte, denen man sich als Journalist nicht entziehen sollte. Da müssen schon kritische Fragen gestellt und Sachverhalte richtig eingeordnet werden, wie ich finde.

Gerhard Delling und Redakteur Jonas Bormann trafen sich zum Gespräch im Hotel Treudelberg

Ihr Abschied hing laut eigener Aussage allerdings auch damit zusammen, dass Sie bei der ARD nicht mehr das machen konnten, was sie sich gewünscht hätten. Wie sahen diese Wünsche konkret aus?
Da geht es um ein Gesamtportfolio an Aufgaben. Es hat einfach nicht gepasst – für mich jedenfalls.
Wie kann man sich diesen Prozess vorstellen? Sie haben Forderungen gestellt, die von der ARD nicht erfüllt wurden?
Ganz so einfach ist es nicht. Ich hatte natürlich schon gewisse Vorstellungen, auch inhaltlicher Natur, aber wie gesagt: Es passte einfach nicht.
Ihre letzte Moderation für die ARD liegt inzwischen schon drei Monate zurück. Geben Sie uns doch mal einen Einblick in ihren neuen Alltag.
Ich habe in den letzten Monaten bewusst versucht, mir nicht so viel ans Bein zu binden, um mir so gewissermaßen wieder eine Startrampe aufzubauen. Vieles hat sich in der Zwischenzeit bereits ergeben, was in der Zukunft auch noch konkreter werden könnte. Wobei ich ehrlich sagen muss, dass das Berufliche jetzt gar nicht allzu sehr im Vordergrund steht. Ich habe viele Dinge im Kopf, zu denen auch solche profanen Dinge gehören, wie endlich mal den Segelschein zu machen.
Im Mai haben Sie sich auch erstmals öffentlich mit Ihrer neuen Freundin gezeigt. Welche Rolle spielt sie bei der Neustrukturierung Ihres Alltags?
Also in jedem Fall bereichert sie ihn. Ich bin sehr glücklich, sie an meiner Seite zu haben. Zumal daraus auch ganz neue Impulse und Motivationen für das entstehen, was ich für die Zukunft schon vorher im Kopf hatte.

Sie schreiben in Ihrer Freizeit schon länger an einem Buch, das sich zwar nicht um Sport dreht, Ihnen aber trotzdem ein Herzensanliegen ist. Warum?
Ich hab schon als kleiner Junge gerne geschrieben und bin über meinen damaligen Jugendtrainer früh zu einer Zeitung gekommen, wo ich regelmäßig Berichte veröffentlicht habe. Dann habe ich ein kleines Büchlein geschrieben, das aber mehr dazu diente, mal zu sehen, wie so etwas ist. Mein zweites Buch „50 Jahre Bundesliga – wie ich sie erlebte“ lebte vor allem von den kleinen Geschichten. Mit dem Roman, an dem ich jetzt schreibe, würde ich gerne den nächsten Schritt gehen, indem ich endlich eine ganze Geschichte von Anfang bis Ende durcherzähle. Anfänge habe ich in Laufe der Zeit viele geschrieben, aber den Roman auch tatsächlich fertig zu stellen – das ist die Herausforderung.
In Ihrer Position als Moderator waren sie stets der Neutralität verpflichtet. Aber mal ehrlich: Für welchen Verein schlägt ihr Herz privat?
In erster Linie für solche, mit denen ich eine persönliche Geschichte verbinde. Das waren früher Vereine wie Freiburg und Kaiserslautern. Mein erstes Bundesliga-Spiel habe ich tatsächlich als kleiner Junge beim HSV gesehen. Deswegen ist es klar, dass ich da besonders hinschaue und mich auch ehrlich gesagt richtig freue, wenn sie gewinnen. Ich muss allerdings auch sagen, dass ich auch St.Pauli sehr interessant finde. Beim HSV wird es jedenfalls spannend zu sehen, ob sie es nicht nur schaffen, wieder in die Bundesliga aufzusteigen, sondern dort auch eine richtige Rolle zu spielen. Das wäre schön für den HSV, aber auch für die Stadt.

 

 


 

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