Bei seinem Besuch im Verlag diskutierten wir mit dem ehemaligen Chefredakteur und Herausgeber der ZEIT, Dr. Theo Sommer, über die Herausforderung durch die aufstrebende Wirtschaftsmacht China!

ALSTERTAL PLUS: Manche Beobachter im Westen fühlen sich von der schnellen Entwicklung Chinas bedroht. Ist diese Angst berechtigt?

Dr. Theo Sommer: Die rasante Entwicklung Chinas in den letzten 40 Jahren hat dem Reich der Mitte ermöglicht, 800 Millionen Menschen aus der Armut herauszuholen. Der wirtschaftliche Aufstieg hat das Land verändert. Es ist für den Westen technologisch und kommerziell zum Partner, aber auch zu einem ernsthaften Konkurrenten geworden. Jetzt wirft Peking sein ökonomisches Gewicht in die Waagschalen der Weltpolitik und fordert den Westen auch geopolitisch heraus – zumal mit seinem Seidenstraßenprojekt, mit dem es sich in sämtlichen Kontinenten Einfluss erkauft. Zugleich ist sein autoritäres Modell – Kapitalismus ohne Demokratie – zu einer nicht nur ideologischen, sondern auch politischen Herausforderung geworden.

In Deutschland wird aktuell darüber diskutiert, ob wir aus Klimagründen noch mit SUVs oder auf Kreuzfahrtschiffen fahren dürfen. In China werden währenddessen hunderte neuer Kohlkraftwerke für eine aufstrebende Volkswirtschaft mit 1,2 Milliarden Menschen hochgezogen, aber gleichzeitig hat die Volksrepublik auch die westlichen Länder in puncto Investitionen in regenerative Energien überholt. Ist China ein Verbündeter im Kampf gegen den Klimawandel oder ein Gegner?

Lange Jahre hat sich China gegen die entschlossene Bekämpfung des Klimawandels gewehrt. Inzwischen ist es zu einem Klima-Vorkämpfer geworden – nicht zuletzt, weil die Verseuchung seiner Luft und die Verunreinigung seiner Flüsse die Gesundheit des eigenen Volkes immer stärker bedrohte. Indessen bleibt Pekings Strategie ambivalent. Einerseits baut es im Reich der Mitte Hunderte von Kohlekraftwerken, die es im Zuge des Seidenstraßenprojekts auch in vielen Entwicklungsländern errichtet. Andererseits hat es bis heute schon 30 Atomkraftwerke in Betrieb genommen und bis Ende des nächsten Jahrzehnts sollen es insgesamt 130 AKWs werden. Für die Entsorgung des radioaktiven Mülls haben die Chinesen allerdings ebensowenig eine Lösung wie wir.

In vielen Medienberichten geht es um die diversen Menschenrechtsverletzungen in China. Was halten Sie von der umfassenden Überwachungs- und Zensurinfrastruktur, die dort eingerichtet wird? Könnte sie den chinesischen Fortschritt bremsen – oder ist sie gar eine der Bedingungen, dass er so weitergeht?

China ist dabei, einen Überwachungsstaat aufzubauen, der Orwells „1984“ weit in den Schatten stellt. Nächstes Jahr werden 600 Millionen Videokameras mit Gesichtserkennungsfähigkeiten im öffentlichen Raum installiert sein. Das geplante „Sozialkredit-System“ wird das Verhalten der Bürger in jeglicher Hinsicht überwachen und je nach dem belohnen oder bestrafen. Ein scharfes Zensursystem hält die Presse, das Internet und die sozialen Medien auf Linie. Die Autokraten und Diktatoren vieler Länder interessieren sich heute bereits brennend für die chinesische Überwachungs- und Unterdrückungstechnologie, wie sie vor allem in Xinjiang die muslimischen Uiguren einem Kontrollsystem unterwirft, das ihre Kultur auszulöschen droht. Am Prinzip der „Menschenrechte“ chinesischer Prägung wird das Regime nicht rütteln lassen, und es weiß sich dabei dem Augenschein nach der Zustimmung durch die Mehrheit seiner Bürger sicher.

Theo Sommer (Mitte) mit Verleger Wolfgang E. Buss (l.) und Christian Luscher, stv. Chefredakteur. 

Aktuell gibt es massive Proteste in Hongkong – den Demonstrierenden wie der Regierung ist symbolische Rolle dieser Auseinandersetzung für China sehr wohl bewusst. Wie schätzen Sie die Lage ein? Welche Auswirkungen könnten die Proteste haben?

Hongkong wurde nach anderthalb Jahrzehnten der Verhandlungen zwischen London und Peking von der britischen Kolonialmacht 1997 an die Volksrepublik China übergeben. Die Grundlage war das Prinzip „ein Land, zwei Systeme“. Bis 2047, fünfzig Jahre also nach der Übergabe, sollte es dabei bleiben. In jüngster Zeit hat Peking allerdings die Freiheiten der Hongkonger immer schärfer beschnitten, was die heftigen Unruhen der letzten Wochen auslöste. Noch versucht das kommunistische Regime, den Aufruhr durch Druck, Desinformation und die Androhung militärischer Gewalt zu bändigen. Gäbe es den Befehl zum Einmarsch und zur gewaltsamen Niederschlagung der Protestanten und Demonstranten, würde das Verhältnis zwischen China und dem Westen weit stärker unterminiert als nach der Niederknüppelung der Studentenbewegung auf dem Tiananmen-Platz.

Im letzten Jahrhundert gab der Westen die globalen Spielregeln vor, jetzt ändert sich das. Dabei ist der Westen – Europa untereinander und mit den USA – so zerstritten wie lange nicht mehr. (Wie) kann man verhindern, dass sich der Westen sich von seiner globalen Führungsrolle verabschiedet?

Von einer Einheit des Westens kann keine Rede mehr sein, seit Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten ist. Ob sich die alte Welt- und Verteidigungsgemeinschaft nach seinem Abtreten wieder herstellen lässt, ist eine offene Frage. Europas Aufgabe müsste es sein, die transatlantische Einheit und Handlungsfähigkeit aufs Neue zu festigen. Eine Garantie gibt es jedoch nicht, dass dies nach Trump gelingen wird. Vielleicht haben wir uns doch schon weit auseinandergelebt.

Sie gelten als Weltbürger, haben Ihren Lebensmittelpunkt allerdings seit vielen Jahren im beschaulichen Volksdorf. Wie kam es dazu? Was gefällt Ihnen an den Walddörfern?

Ich bin im Jahre 1970 aus Hummelsbüttel, wo ich mein erstes Haus gebaut hatte, nach Volksdorf übersiedelt. Die alten Bauernhöfe in Hummelsbüttel verschwanden damals einer nach dem anderen, die Kühe an meinem Zaun ließen sich nicht mehr blicken und auf der gegenüberliegenden Straßenseite zog die SAGA vielstöckige Sozialwohnungsbauten in die Höhe. Ich wollte aber wieder ins Grüne und zog deswegen nach Volksdorf, wo nicht nur das schöne Dorfzentrum und das Museumsdorf für ein angenehmes Lebensgefühl sorgten, sondern ich auch täglich frühmorgens meine sechs bis acht Kilometer durch Wald, Wiesen und Felder laufen konnte.

Fotos: Kai Wehl

 

Das Buch

„China First“ von Theo Sommer ist im Januar 2019 in dritter Auflage bei C.H. Beck erschienen, hat 480 Seiten und kostet 26 Euro (Hardcover) bzw. 20,99 Euro (E-Book).

 

 

 

 


 

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