Statt kurzer Lied-Texte für seine Band EXTRABREIT hat Kai Havaii gerade einen 572seitigen Thriller geschrieben, RUBICON seinen ersten. AlstertalPlus.de fragte den 62-jährigen Musiker wie es dazu kam und warum es um Afghanistan und die Mafia geht.

AlstertalPlus.de: Du hast schon viele Songs für deine Band geschrieben und bist auch als Autor in TV-Bereich, vor allem Dokus, aktiv. Warum jetzt der erste Roman und dann ein Thriller?
Kai Havaii: Meine Autobiografie „Hart wie Marmelade“ kam gut an, und ich hatte schon immer den Traum mal einen Roman zu schreiben. In den letzten drei Jahren habe ich die Zeit und die Ruhe dazu gefunden. Für das Genre Thriller habe ich mich entschieden, weil es ja oft aktuelle Bezüge hat und dabei auch Zeitgeschichte oder Politik behandelt. Dafür hatte ich schon immer ein Faible.

Wieso gerade diese Themen?
Es gibt ja zwei Themenkomplexe und beide haben mich interessiert. Einmal den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan und dann die italienische Mafia. Mich hat schon immer die Frage beschäftigt, obwohl ich selber keine Erfahrung damit habe da ich nicht bei der Armee war, was Soldaten motiviert, was sie traumatisiert oder terrorisiert. Das mag auch an der Familiengeschichte liegen, mein Vater war im 2. Weltkrieg und mein Großvater sogar in beiden Weltkriegen – beide als einfache Soldaten. Es wurde bei uns aber sehr wenig darüber gesprochen.
Für das Buch habe ich mich mit einigen Afghanistan-Veteranen getroffen, um ein Gefühl für meine Hauptfigur Carl Overbeck zu bekommen. Der ist Scharfschütze gewesen, als es in Afghanistan so richtig gebrannt hat und kommt durch die die Kriegserlebnisse zuhause nicht mehr zurück in die Spur. Dadurch ist er später psychisch bereit, sich als Auftragskiller zu verdingen. Die Gespräche mit den Veteranen waren sehr erhellend und manchmal auch ziemlich erschütternd. Ich habe aber keinen Soldaten im Buch geoutet, denn die Story ist reine Fiktion.

Wie ist denn deine Einstellung zum Afghanistan-Einsatz?
Ich denke, dass dieser besondere Einsatz umsonst war. Das ist tragisch, aber all das was man dort versucht hat, nämlich diesem rückständigen und kulturell ganz anders geprägten Land eine Demokratie westlichen Zuschnitts überzustülpen, also das sogenannte nation building, das hat nicht funktioniert. Ähnlich wie im Irak. Und die Opfer waren auf allen Seiten zu hoch.

Warst du vor Ort?
Nein. Die Infos zu dem Land habe ich unter anderem aus Dokumentationen und Filmen. Es ist erstaunlich, was man alles findet, wenn man lange genug sucht. Beispielsweise ein Video einer Autofahrt aus dem Bundeswehrlager in Kundus in die nächste Stadt. Und dann nutzt man für so etwas natürlich Google Streetview, damit lässt sich die ganze Welt quasi „zu Fuß“ erleben. Etwa in Mexiko City, wo auch eine wichtige Szene spielt. Du kannst da stundenlang durch die Stadt fahren und die Häuser anschauen, in denen dann deine Handlung spielt.

Wie war es für dich als Kriegsdienstverweigerer mit Soldaten zu sprechen die im Einsatz waren?
Man muss Realist sein. Natürlich wäre es schön, wenn man sich alle Armeen der Welt und ihre Waffen wegwünschen könnte, aber das wird nicht passieren. Auch Deutschland braucht eine Armee, alleine schon für unsere internationalen Verpflichtungen. Das ist in Ordnung, und ich finde auch und das habe ich aus den Gesprächen mitgenommen, dass die Jungs, die durch unsere Regierung in andere Länder geschickt werden durchaus unseren Respekt verdient haben. Ich habe im Laufe der Gespräche viel mehr Verständnis für die Situation der Soldaten entwickelt.

Trafen sich in Eppendorf auf einen Kaffee zum Gespräch: EXTRABREIT-Sänger und Autor Kai Havaii (r.) und Chefredakteur Kai Wehl.

Deiner wird zum Mafioso.
Besser gesagt: Er verdingt sich für die Mafia. Denn ich wollte auch etwas über die Geschichte und die aktuelle Rolle der ’Ndrangheta, der kalabrischen Mafia schreiben – speziell auch in Deutschland. Im Buch wird Overbeck von einem alten Kindheits- und Jugendfreund, einem Italiener, für einen Job angefragt, bei dem die Fähigkeiten eines Scharfschützen gefragt sind. Overbeck ist frustriert, pleite und kommt nach seinen Kriegserlebnissen in Afghanistan im zivilen Leben nicht mehr klar. Das interessiert natürlich keinen, mehr als einen Klopfer auf die Schulter gab es von den Offiziellen nicht. Deswegen geht er auf das Angebot ein.

Also spielen Traumata in deinem Buch eine Rolle?
Schon, aber man darf sich einen traumatisierten Soldaten ja nicht so vorstellen, dass er in keiner Weise mehr funktioniert. Er macht irgendwie weiter. Bei mir als Killer, weil er den Job Scharfschütze so gut kann wie kaum ein anderer, und auch, weil er den Thrill der Gefahr sucht, die darin steckt.
Wie geht es aus, wird der Mann nachher selber erschossen oder gibt es ein Happy End?
(lacht) Na das werde ich hier natürlich nicht verraten.

Hast du des Schreibens willens geschrieben oder wolltest du eine Botschaft in die Welt hinaustragen?
Mit Botschaften bin ich vorsichtig. Mir ging es in erster Linie darum, ein spannendes Buch zu schreiben. Und wenn es den zusätzlichen Mehrwert hat, dass man einige Zusammenhänge besser versteht auch die Komplexität und besondere Situation von Menschen in besonderen Situationen, finde ich das gut.

Hast du dich selbst in das Buch eingearbeitet, so à la Hitchcock?
(überlegt) Interessant, … schwer zu sagen. Gut, sicherlich gibt es jetzt etwas Carl Overbeck in mir, weil ich mich versucht habe, so tief wie möglich in die Hauptfigur hinein zu versetzten. Was uns verbindet ist vielleicht ist das Motiv des einsamen Wolfes, der die Grenzen überschreitet und auch schicksalhafte Entscheidungen trifft, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Irgendwie liegt mir das. Wobei es in meinem realen Leben gottseidank nicht so dramatisch war.

Nicht, dass du bis heute verarbeiten musstest, dass du damals den Kriegsdienst verweigert hast …
(lacht) Nein, ich musste nichts verarbeiten.

Ihr geht mit EXTRABREIT regelmäßig auf Tour – wie unterscheidet sich das Autorenleben von dem Musikerleben?
Das Musikmachen bedeutet für mich vor allem viel Kommunikation und Interaktion – mit meinen Kollegen von der Band, mit Technikern im Studio und natürlich vor allem mit dem Publikum. Bücherschreiben erfordert viel Einsamkeit, weil man nur so wirklich in seiner Fantasie leben kann. Ich liebe beides.

Und, gibt es einen neuen Roman?
Ja ich möchte weiterschreiben, denn das Glücksgefühl ist groß, aus der eigenen Fantasie und der Recherche eine Welt zu erschaffen, die man aus der eigenen Anschauung nicht kennt. Das macht großen Spaß.    Kai Wehl

Inhalt: In Afghanistan war Carl Overbeck der beste Scharfschütze seiner Einheit, doch zurück in Deutschland kommt er mit seinem Leben nicht mehr zurecht. Da macht ihm ein alter Jugendfreund ein besonderes Angebot: Er soll in Italien einen Mafioso erschießen, der sich der Polizei als Kronzeuge angedient hat. Carl übernimmt den Job und wird damit zum Auftragskiller, der still und heimlich seine Aufträge versieht. Bis er sich in die falsche Frau verliebt.
Kai Havaii, Rubicon, Rütten & Loening (Aufbau), 13. September 2019, 572 Seiten, 14,99 Euro

 

 

 


 

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