Die Galerie Alex F. in Duvenstedt zeigt einen der bekanntesten Vertreter der Leipziger Schule: Jost Heyder. Am 8. November kommt der Künstler zur Vernissage ins Alstertal. Vorab haben wir ihm dazu einige Fragen gestellt.

Hat von 1975-80 Malerei und Grafik an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert: Jost Heyder. © Jost Heyder

AlstertalPlus.de: Sie kommen direkt vor dem Mauerfalljubiläum nach Hamburg. Was hat der Mauerfall damals für Sie bedeutet?
Jost Heyder: Ich war als Meisterschüler an der Akademie der Künste zu Berlin zum Mauerfall direkt vor Ort – am Pariser Platz befand sich das berühmte historische Atelierhaus, wo bereits Fritz Cremer gewirkt hatten. Das Gebäude steht schräg gegenüber des Brandenburger Tores. Ich konnte am Abend des 9. November die vielen tausend Menschen sehen, die auf die Mauer geklettert waren… Dieser Anblick war für mich ein Zeichen des Aufbruchs, unvergesslich.
Am 10. November dann sind meine Frau und ich mit unserer kleinen Tochter über ein Mauersegment an der Bornholmer Straße ins andere Berlin hinübergelaufen. Was soll ich sagen: Es war ein überwältigendes Erlebnis…

Gab es bei Ihnen eine Malerei vor dem Mauerfall und eine danach?
In meiner Malerei gibt es keinen Bruch. Im Limburger Museum habe ich im vergangenen Jahr eine Ausstellung gemacht, in der auch frühere Arbeiten von mir aus den 70er und 80er-Jahren mit gegenwärtigen Bildern zusammenhingen. Man konnte sehen, dass meine Auffassung von Malerei und Zeichnung, trotz grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen keine grundlegende Verwandlung durchgemacht hat.
Der Mensch bleibt Thema Nummer Eins für mich!

In der DDR haben Sie mit Marionettenbildern gesellschaftliche Themen angesprochen. Was genau war die Kritik und würden Sie sich als einen auch politischen Maler bezeichnen?
Trotz eines erfüllten sowie prallen Lebens in der DDR haben mich die Enge und die Gängelungen der Staatsoberen dermaßen bedrückt, dass ich mich mittels meiner Bilder und deren Sujets gewehrt habe. So entstanden Arbeiten zu „Graf Öderland“ von Max Frisch – das Ausbrechen aus vorgegebenen Strukturen, sprich Grenzüberschreitung.
Auch zum Thema „Prokrustes“ – das Hineinzwingen in ein vorgegebenes Schema – habe ich ein Bild zu DDR-Zeiten gemalt. Der Geschichtsschreibung nach bot der Räuber Prokrustes Reisenden ein Bett an, das im Allgemeinen immer zu kurz war. So hackte er, damit die Menschen dennoch Platz fanden, den Gästen kurzerhand die Füße ab – dann hat’s gepasst. Und wenn die Menschen zu klein waren, hat er sie gestreckt. Unter dieser, man könnte in der Replik sagen, beinahe politischen Prämisse sind auch meine Marionetten-Bilder entstanden. Marionetten haben wohl in jeder menschlichen Gesellschaft eine gewisse Relevanz.
Gleichwohl habe ich zum Beispiel einen „Prometeus“ gemalt, der nicht am Kaukasus angekettet ist, sondern der das Feuer dem Betrachter, also den Menschen entgegenbringt. Dieses Bild hängt seit den 80-er Jahren in der Gedenkstätte Eisenacher Parteitag, wo sich im 19. Jahrhundert die SPD gegründet hat. Das Bild ist eine Metapher für Aufbruch.

Gibt es Motive, mit denen Sie heutige Probleme – der jüngeren Vergangenheit und oder aktuelle – anprangern?
Es gibt keine Kommentare zu politischen und oder tagesaktuelle-politischen Ereignissen in meiner Bilderwelt.
Indem ich einen Menschen darstelle in seiner Würde und Authentizität, stelle ich dem Krieg, den Fake-News, der Ungerechtigkeit etc. gewissermaßen die Botschaft des Humanismus entgegen.
Insofern kann auch ein Stillleben eine politische Botschaft sein: Am Tage des Einmarsches der Deutschen in Frankreich (2. Weltkrieg) malte Henri Matisse als einen Akt des Widerstandes ein Stillleben als Zeichen der unzerstörbaren Werte des Zivilisatorischen.
In meinen Szenerien tritt viel Unbewusstes zutage. Eros, Tod, Verzweiflung, Trost und Hoffnung verzahnen sich oftmals in traumhafter Verfremdung.

Was für Werke zeigen Sie in Hamburg?
Vorrangig für mich ist der Themenbereich „Atelier“ – also das Zusammensein, die mitunter stumme, teils lebendige Kommunikation zwischen Maler und Modell. Zu den Maler-Modell-Bildern kommen Hommagen an große Künstler, die ich verehre hinzu wie A. Giacometti oder Jaean Cocteau, auch Bildnisse von Menschen und Akte.

Sie haben mal gesagt, Sie seien immer auf der Suche nach dem perfekten Bild. Was muss das für Sie haben?
Das für mich perfekte Bild ist die Einheit von Form, Komposition, Farbe und Inhalt – die Hand des Autors muss ersichtlich sein und bleiben, auch in der künstlerischen Weiterentwicklung. Max Liebermann, der großartige Impressionist sagte einmal dazu: Mir ist eine gut gemalte Mohrrübe lieber als eine schlecht gemalte Madonna. Im Grunde genommen bin ich immer auf der Suche nach dem perfekten Bild, das es wie in anderen Genres der Kunst als perfektes und abgeschlossenes Werk gar nicht gibt.   Kai Wehl

TIPP: Werke von Jost Heyder, einem der bekanntesten Vertreter der Leipziger Schule, sind vom 8. November bis zum 20. Dezember in  der Galerie Alex F., Duvenstedter Damm 62, zu sehen. Vernissage: 8.11., 19 Uhr bis open end! Mehr Infos: www.galerie-alexf.deFoto oben: Herz Bube (2018), Heyder verarbeitet in diesen figurativen Arbeiten auch seine Träume und Gedanken. © Jost Heyder

 


 

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