Soziale Medien stehen in der Kritik: Längst ist klar, dass sie nicht nur Menschen zusammenbringen, sondern auch für Konflikte, Shitstorms und selbstgerechte Meinungsblasen sorgen. Tut das unserer Gesellschaft gut? Sollte man den Einfluss von Twitter & Co. lieber einschränken? Wir diskutieren.

PRO

Wolfgang E. Buss, Verleger

Twitter ist eine Meinungskloake. Hass, Missgunst, Wut und Widerwärtigkeiten sind das aktuelle Ergebnis, wenn sich „jeder“ – besonders gerne anonym – äußern kann. Ich erlebe die „Kommentarspalten“ zunehmend wie eine Kloake, in die jeder – angewidert von dem, was er bereits vorfindet – einen noch größeren Haufen drauf setzen möchte. Wir alle bezeichnen das richtigerweise als „Shitstorm“, also einen „Sturm von Scheiße“ (Entschuldigung!) Soweit, so widerlich. Interessant und befremdlich dazu ist, dass nun zahllose „Kollegen Journalisten“ von mir täglich in dieser Sch… wühlen, um zu schauen, wer aktuell den größten Haufen hinterlassen hat oder sich ergänzend noch erbrochen hat. Geht’s noch? Fast begeistert haben sie nichts Besseres zu zitieren als diese Widerlichkeiten. Ob gegen links, gegen rechts, gegen Politik oder sonst jemanden. Nur Denk-Fäkalien. Sie haben keine Aussage, außer Wut, Hass und Ekel.
Das oft genutzte Beispiel, es handele sich um die neue Form des Stammtisches, zieht nicht, denn hätte Walter damals gesagt, „die Merkel müsste man vergasen“, wäre er zurechtgewiesen worden. „Jetzt gehst du zu weit, Walter, lass das mal.“
Im „Netz“ turned das den nächsten weiter an. „Man müsste sie alle vergasen!“ kommentiert er. Deshalb: Schaltet das alles ab oder haltet euch von diesen Kloaken fern!

 

CONTRA

Christian Luscher, stv. Chefredakteur

Niemand bestreitet die Gefahren von Social Media. Vielleicht wird erst in ein paar Jahrzehnten wirklich analysiert werden können, wie tiefgreifend die Frühzeit der sozialen Medien unsere Gesellschaft veränderten. Wer jetzt schon wissen will, was er tun kann, um die Gefahren einzudämmen – das Stichwort lautet: Medienkompetenz. Erstens: Darüber nachdenken, was man selbst schreibt, welchen Provokationen man antworten muss und in welchem Ton. Zweitens: Nachdenken darüber, wem man folgt und was man liest. Was sind vernünftige Quellen? Wer möchte nur für Unfrieden sorgen? Das können übrigens auch „etablierte“ Medien sein, die längst den Wert von „Hateclicks“ erkannt haben, wenn sie besonders unerhörte Artikel raushauen. Drittens: Die Funktionen nutzen, die jetzt schon zur Verfügung stehen. Blocken, stummschalten und besonders gefährliche Kommentare melden!
Trotz aller Gefahren: Soziale Medien bieten Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, und das nicht nur im Schlechten. Auch Minderheiten finden Gehör und Gleichgesinnte. Ehemals nahezu unantastbare Akteure, z.B. große Unternehmen oder – siehe Rezo – die Politik können öffentlich zur Verantwortung gezogen werden. Ein nützliches Werkzeug, das man richtig nutzen sollte!

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