Montag, 27. September 2021
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Ein Wellingsbüttler auf Hemingways Spuren

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Der Autor Wolf-Ulrich Cropp hat auf Kuba die Orte gesucht und besucht, an denen Ernest Hemingway zwischen 1939 und 1960 wirkte. Seien es Bars, Restaurants oder seine Angelplätze. Darüber und über den Inselstaat im Wandel, hat der 80-jährige Abenteurer gerade sein 27. Buch geschrieben.
„Die Kubaner sind fröhlich und freundlich“, so der Wellingsbüttler Autor Wolf-Ulrich Cropp (l.), der viele Einheimische traf und von ihnen Storys über Hemingway, Castro und Che erfuhr.

Du sagst, du warst anfangs kein Freund von Hemingway. Trotzdem hast du dich dann aber auf Spurensuche begeben. Warum mochtest du ihn nicht und was hat den Sinneswandel bei dir ausgelöst?
Wolf-Ulrich Cropp: Auf meiner Reise in die USA gelangte ich von Miami aus nach Key West, wo ich das Ehepaar Crown traf (Zufallsbekanntschaft) und mit Hemingway konfrontiert wurde. Ich erhielt eine bisher unbekannte Story des Schriftstellers, die mich neugierig machte und auslöste, mich mit ihm zu befassen. Da sich die Gelegenheit bot, segelte ich nach Kuba und beschloss seinen Spuren zu folgen, gleichzeitig, nach Jahren, mal wieder den „Inselstaat im Wandel“ zu bereisen.
Anfängliche Abneigung: E. H.s sehr einfache bis vulgäre Sprech- und Schreibweise, mitunter nichtssagende, langweilige Dialoge. Der Sinneswandel vollzog sich nicht komplett, ich bin nach wie vor der Ansicht, dass seine gepriesene literarische Kunst mit seinem Bekanntheitsgrad zusammenhängt, der durch Abenteuer, Großwildjagd, Kriegserlebnissen, Frauengeschichten, einem geschickten Marketing bei Lebzeiten, auch von ihm selbst arrangiert wurde.

Hemingway hat ein Drittel seines Lebens – über 20 Jahre – auf Kuba gelebt. Wie viel von ihm ist auf Kuba noch erlebbar?
Es kam mir bisweilen vor, als schwebe nach wie vor der Geist „Papas“ über Havanna. Die wichtigsten Locations, die noch stark besucht werden, sind das Hotel Ambos Mundos, die Bar Floridita, seine ehemalige Finca Vigía in San Francisco de Paula (Vorort von Havanna). Hinzu kommt der ehemalige Fischerort Cojimar, wo seine Jacht „Pilar“ lag.
Du warst ja auch in Key West, wo Hemingway zehn Jahre lang lebte, wo ist er präsenter, dort oder auf Kuba?
Er ist an beiden Orten enorm präsent. Ich würde sagen: Havanna und Cojimar.

Du hast viele spannende Details aus Hemingways Leben für das Buch recherchiert und einfließen lassen. Was hat dich an ihm am meisten fasziniert oder überrascht?
Wir unternahmen mit dem Kubaner Enzo Hermandez – ich habe ihn nach einem Besuch in Ernests Stammlokal La Terraza kennengelernt –, einen Törn zu den Cayos, dem Inselgewirr von Guillermo vor dem Hemingway häufig fischte. Und auf See erfuhr ich etwas Erstaunliches von Enzo: Hemingways Drang sich am Kriegsgeschehen zu beteiligen, war immens. Er ließ seine PILAR in ein Spionageschiff umbauen. Auf das Deck über dem Cockpit wurde ein zweiter Steuerstand montiert. Eine solche Konstruktion nennt sich „Flybridge“. Die PILAR wurde modernst mit Funkeinrichtungen, sogar mit einem Sonargerät ausgerüstet. Hemingway wollte in der Karibik operierende deutsche U-Boote nicht nur beobachten, sondern auch bekämpfen. Dazu wurde sein Boot mit Handgranaten, Maschinengewehren und einem Bordgeschütz bestückt. Sein Einsatz bekam den Tarnnamen „Friendless“.
Als ich Enzo nach dem Erfolg seiner Aktion fragte, meinte er lächelnd. „Die Abende nach erfolgloser Suche endeten bisweilen mit Saufgelagen und Schlägereien.“ Und sein Skipper Gregorio, den Enzo dazu noch persönlich befragen konnte, meinte: „Zwei oder dreimal glaubten wir die Sehrohre feindlicher U-Boote zu sehen. Das war alles.“

Hemingways Jacht PILAR, die der Schriftsteller für die Jagd nach deutsche U-Booten mit Funkeinrichtungen und sogar mit einem Sonargerät ausgerüstet wurde

Hemingways Spuren finden sich an vielen Orten, am beeindruckendsten sind sicherlich die in seiner Finca “Finca Vigia” in San Francisco de Paula/Havanna, heute ein Museum. Aber auch in Key West wird dem Schriftsteller gedacht:

Im Buch geht es aber nicht nur um den Schriftsteller, sondern auch um Kuba. Du warst bereits früher dort, wie hat sich die Insel verändert?
Ja, ich war schon zweimal zuvor dort, 1995 als Geschäftsmann und 1999 zu Recherchen über Francis Drake für „Goldrausch in der Karibik“ (bei Delius Klasing erschienen). Der Staat ist ärmer geworden, die Versorgungslage prekärer, die Menschen sind unzufriedener und sehnen sich nach Freiheit und ein besseres Leben.

Würdest du trotzdem wieder hinfahren?
Ich werde Kuba jeder Zeit gern wieder besuchen – Geschichte, Landschaft, Natur sind faszinierend. Vor allem aber sind es die Kubaner selbst, die die Schönheit des Landes ausmachen – ihre große Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft, trotz ihrer misslichen Situation. Meine Wirtin Isabella berichtete: „Wir Kubaner, zumindest die meisten, darben von jeher. Unter den Diktatoren, nach anfänglicher Revolutionseuphorie unter Fidel Castro. Dann besonders als die Sowjetunion zusammenbrach und die periodo especial (Sonderperiode) verkündet wurde.“
An einem der tropisch-heißen Abende saß ich mit Isabella und ihrem Bruder auf dem Balkon ihrer abrissreifen Wohnung im zweiten Stock. Dazu gehört Mut! Wir tranken Cuba Libre und hörten Cha-Cha-Cha und Son. Wäre der Balkon größer, hätten wir getanzt. „Auf Kuba ist Musik ein Lebensmittel, auch wenn Butter und Brot knapp sind“, meinte Isabella und servierte ein sich vom Mund abgespartes Abendessen. Das beschämte mich über alle Maßen. Die politische Situation: ein Trauerspiel!

Natürlich dürfen bei einer Kubabeschreibung die Gräber von Che Guevara und Fidel Castro nicht fehlen, schließlich haben sie das Bild, das wir von der Insel haben, geprägt wie sonst niemand. Ihr Einfluss ist verblasst und das Land ist im Wandel – gerade gab es die größten Proteste der jüngeren kubanischen Geschichte. Wie hast du vor gut einem Jahr die Stimmung im Land erlebt?

Noch ruhig, wenngleich sich in vielen Gesprächen eine große Unzufriedenheit bemerkbar machte. Man hoffte, dass der neue Präsident Miguel Diaz-Canel das Land aus der Wirtschaftskrise führt. Was wohl nicht gelingt, wie die momentanen Aufstände zeigen.

Fazit deiner Reise – zu erstens Hemingway und zweitens Kuba?
Mit dem Buch versuche ich die Präsens Hemingways in Key West und vor allem in Kuba mit meinen Erlebnissen, Erfahrungen in dem Staat im Wandel zu verbinden. Der Revolution entlässt ihre Kinder – aber wohin? Für mich war die Reise kreuz und quer durch das Land, streckenweise mit meinem Sohn, (wir hatten uns in Havanna verabredet) wie eine Offenbarung. Und es war in besonderem Maße ein Angelabenteuer, das mich Hemingway ganz nahe brachte. In Cayo Guillermo, Hemingways einstigem Revier. Ich saß an Bord eines kleinen Schiffes, festgeschnallt auf einem Stuhl mit großer Bootsrute in der Hand, als ein großer Thunfisch anbiss. Beim Einholen, ich schwitzte aus allen Poren und mir taten Hände und Rücken weh, kamen dann – wie in seinem berühmtesten Roman – die Haie. Aber es endete anders als beim alten Mann auf dem Meer. Bei einem Fluchtversuch unter unser Boot riss die Angelschnur und der Fisch war weg… kw

Wolf-Ulrich Cropp, Kuba,
Hemingway, eine Cohiba + ich,
Verlag Expeditionen, gebunden, 304 Seiten mit Farbfotos, 22 Euro

Aufmacherfoto: Cropp folgte Hemingways Spuren auf Kuba und in Key West, wo in Sloppy Joe‘s Bar gute Geschäfte mit ihm gemacht werden. Alle Fotos: © Wolf-Ulrich Cropp

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Kai Wehl
Chefredakteur von Alster und Alstertal Magazin
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