Freitag, 3. Dezember 2021
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    Durchdachtes Chaos in Poppenbüttel

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    Der Bergstedter Maler Lars Möller befasst sich seit Jahren mit Abgründen der Gesellschaft und seinen eigenen Ängsten und Gedanken. Ausdruck findet das in surrealistischen Welten voll überbordender Details. Einige seiner Werke – erzählerische Bilder, Zeichnungen und Druckgrafiken – sind in der Ausstellung „Labyrinthe“ in Poppenbüttel zu sehen.

    ALSTERTALPLUS: Deine Bilder erinnern mich an eine Mischung aus Salvador Dali und Pieter Breugel der Ältere, etwa dessen Bild Der Triumph des Todes. Hast du Vorbilder?
    Lars Möller:
    Der Surrealismus war für mich sehr prägend, vor allem Salvador Dali. Mit 16 habe ich Gemälde von ihm in der Tate Gallery in London gesehen. Es war eine Initialzündung, denn ich habe wieder angefangen zu malen und zu zeichnen. In den Jahren danach habe ich mich auch mit Francis Bacon und Edvard Munch auseinandergesetzt, bin aber dem Surrealismus im Prinzip treu geblieben.
    Bis ich merkte, dass die Ruhe, die die meisten surrealistischen Bilder auszeichnet, nicht geeignet ist, um das auszudrücken, was mir wichtig ist. Im Studium habe ich mich dann mit dem Futurismus, insbesondere mit Umberto Boccioni auseinandergesetzt. Ab dem Zeitpunkt wurden meine Bilder dynamischer und detaillierter. Aber klar, viele sehen in meinen Bildern Parallelen zu alten Holländern wie etwa Hieronymus Bosch. Dem stimme ich zu. Bei seiner Absurdität denke ich oft, er hat den Surrealismus schon einige Hundert Jahre früher erfunden.

    Wieso hat die Ruhe des Surrealismus nicht mehr gereicht … was möchtest du denn mit deinen Bildern ausdrücken?
    Ich fange erst mal mit dem Detailreichtum an, denn es gibt für mich nichts Einfaches. Selbst die banalste Sache steht mit ganz vielen anderen Dingen in Beziehung und durch dieses Netz aus Beziehungen definiert. Wenn ich etwas ausdrücken oder Dingen auf den Grund gehen möchte, fühle ich mich getrieben, alle anderen Dinge mit denen es zusammenhängt auch auszudrücken. Ich thematisiere häufig Überforderung und Ohnmacht, was für mich zusammengehört.
    Wir leben in einer komplexen Zeit voller auf uns einströmender Einflüsse. Die Digitalisierung hat das verschärft. Durch Social Media erfahren wir eine große Unsicherheit – was ist wirklich, was nicht? Natürlich muss jeder selbst zu einem Entschluss kommen, aber das ist ein ziemlich anstrengender Prozess.

    Gewissensknoten 95×120 cm Öl auf Leinwand 2018

    Erschrickst du dich manchmal nachträglich über einige Details in deinen Bildern?
    Gerade wenn Bilder nicht vorbereitet sind, sondern aus dem Malfluss heraus entstehen, ist das manchmal der Fall. Aber Malerei ist ja immer auch eine Art der Verarbeitung und eine Art der Erkenntnis und (Pause) … wenn man nur meine Bilder sieht, kann man schnell einen falschen Eindruck von meiner Weltsicht oder meinem Charakter bekommen. Sehr einseitig, ich kann schon die ganze Schönheit in der Welt schätzen und genießen, aber die muss ich nicht malen. Ich wende mich lieber unseren dunklen Tiefen zu. Dem Labyrinth, das man beim Vordringen in seine Gedankenwelten vorfindet.
    Da gibt es Dinge, die sich der Sprache entziehen, bildlich aber gut umsetzbar sind. Weil das ja meine Erfahrungen sind, die aus mir kommen und eine Art Spiegel darstellen, bin ich zwar nicht erschrocken, aber dachte häufiger, das ist schon heftig.

    Ich bin kein Psychologe, aber für mich schreien deine Bilder nach Angst … wie reagieren denn die Leute, sind sie verstört?
    Ja, Angst ist auf jeden Fall in meinem Themenspektrum von Überforderung, Ohnmacht und Kontrollverlust enthalten. Verstört sind die Betrachter aber eher selten, die meisten sind fasziniert.
    Sagen mir allerdings, dass sie sich „so etwas nicht zuhause hinhängen können“. Das kann ich verstehen und es ist für mich aus finanzieller Sicht natürlich ein Problem, aber mir ist der künstlerische Ausdruck meiner Empfindungen wichtiger, als schöne dekorative Kunst zu machen. Ich möchte über Gefühle Denkprozesse anregen, damit sich die Betrachter von alltäglichen Sichtweisen lösen und offen für Neues sind.

    Labyrinthengrund 130×180 cm Öl auf Leinwand 2021

    Ob man es sich hinhängt oder nicht, mir gefällt, dass man in deinen Gemälden in viele kleine Bildwelten abtauchen kann.
    Ja meine Bilder weisen eine sehr große Detailfülle auf und sind dynamische Kompositionen. Die ganzen Kleinigkeiten brauchen Ruhe und Zeit, um sie angucken zu können, allerdings reißen die ganzen anderen Details den Blick des Betrachters schnell und fast automatisch zu anderen Begebenheiten. Diese erzwungene Betrachtungsweise spiegelt in dem Sinne deren inhaltliche Thematik wieder, den Kontrollverlust. kw

    Ausstellung „Labyrinthe“, Barfuss-Galerie, Sandkuhlenkoppel 55, 24.10.-19.12. jeweils Sa. & So. von 11-17 Uhr, oder nach tel. Absprache (602 12 48). Vernissage: 24.10., 11 Uhr. Infos: www.moeller-lars.de

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    Kai Wehl
    Chefredakteur von Alster und Alstertal Magazin
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